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Das Datum ist keine spätere Zuschreibung, sondern steht in Stein gehauen. Auf der linken vorderen Säule liest man,
Zeile für Zeile, die Jahreszahl 1626. Am Vorabend des Festes Mariä Geburt, also am 7. September jenes Jahres,
ließen Caspar Liebler und Jacob Trefs das Werk „Jesu und Maria zu Ehren" errichten. Mitten im Dreißigjährigen
Krieg setzten zwei Bürger der damaligen Stadt Bischofsheim damit ein Zeichen, das sie selbst um Jahrhunderte
überdauern sollte.
Einer der zwei Stifter verschwindet fast
Von Caspar Liebler lässt sich immerhin ein Teil der Lebensgeschichte rekonstruieren. Er war ein Sohn Balthasar
Lieblers und heiratete 1617 Katharina Stockmeister, die Tochter des Spitalmeisters. Die Familie zählte offenbar
zu den wohlhabenderen Bürgern der Stadt: Das bis heute erhaltene Melusinenhaus in der Hauptstraße, 1628 erbaut,
war ihr Wohnhaus. Später wurde Liebler Ratsherr, für die Jahre 1646 bis 1648 ist er in diesem Amt nachweisbar.
Jacob Trefs bleibt dagegen kaum mehr als ein Name auf der Säule. Zwar ist die Familie Trefs in Bischofsheim
schon seit 1551 belegt, doch über den Stifter selbst ist bislang wenig bekannt. Darin liegt etwas Eigentümliches:
Vierhundert Jahre nach der Stiftung steht sein Name noch offen lesbar im Wald, während sein Leben dahinter fast
vollständig im Dunkeln bleibt.
Der Rektor sang mit den Schülern vor Ort
Mit den beiden Stiftern hat der heutige Name Rektorskapelle nichts zu tun. Er kam erst gut zweihundert Jahre später
hinzu. Die Stadtchroniken überliefern, dass zu Beginn des 19. Jahrhunderts der Schulrektor jeden Samstag mit
Kindern zur Kapelle zog, dort eine Andacht hielt und mit ihnen Muttergotteslieder sang. Von diesem Brauch, so die
Überlieferung, stammt der Name Rektorskapelle.
Offen ist dagegen, wie das Bauwerk in den knapp zwei Jahrhunderten zuvor überhaupt genannt wurde. Zwischen
der Stiftung 1626 und der Umbenennung um 1810 muss die Kapelle einen Namen getragen haben - nur welchen?
Nach den Stiftern? Nach ihrem Standort an der Würzburger Straße? Oder ganz anders, mit einer heute vergessenen
Bezeichnung? Die Quellen dazu schweigen bislang, und die Frage ist damit noch offen für künftige Forschung.
Der Rektor, dem die Kapelle schließlich ihren Namen verdankt, lässt sich immerhin vermutlich benennen:
Franz Anton Zipf, auch Zipp geschrieben. Laut Stadtchronik war er 1811 und 1812 Rektor und Chorleiter, zuvor
Kantor. Eine Akte des Generallandesarchivs Karlsruhe nennt ihn bereits 1807 ausdrücklich „Schul Cantor";
damals bat er um Besserstellung oder Beförderung zum Kirchner. Schule und Kirchenmusik lagen bei ihm also
in einer Hand. Bewiesen ist der samstägliche Gang zur Kapelle damit nicht, doch die Überlieferung trifft genau
auf ihn zu. Unter den bekannten Rektoren jener Zeit bleibt Zipp der überzeugendste Kandidat. Er starb am
14. Dezember 1812.
Standort war früher alte Würzburger Straße
Bis zum Frühjahr 1970 stand die Kapelle an der alten Würzburger Straße, nahe dem heutigen Krankenhaus.
Ihr gegenüber lag das württembergische Kriegerdenkmal für die Gefallenen des Gefechts von Tauberbischofsheim
von 1866. Eine historische Aufnahme zeigt dort einen geschlossenen kleinen Bau mit Tür, Fenstern und gemauerten
Seitenflächen - doch das war nicht die ursprüngliche Gestalt, sondern ein späterer Zustand.
1892 hatte man die Kapelle mit freiwilligen Beiträgen gründlich wiederhergestellt und dabei den ursprünglich offenen Säulenbau mit Mauern und Fachwerk verschlossen. Was auf dem alten Foto wie eine selbstverständliche
Bauform wirkt, war also ein Umbau. Die Tauberbischofsheimer retteten damit ihre Kapelle, veränderten aber
zugleich ihr Aussehen.
Die Stadt kam der Kapelle zu nahe
Im Januar 1968 kündigten die Fränkischen Nachrichten an, die Kapelle solle wieder auf freies Feld kommen.
Vorgesehen war zunächst ein Platz in der Verlängerung der alten Würzburger Straße. Im Schatten der
Bonifatiuskirche und der Bebauung auf dem Brenner verliere sie ihren Charakter als Feldkapelle, hieß es zur
Begründung. Auch die Straßenverbreiterung beim Krankenhausneubau und ihr schlechter Zustand sprachen
für eine Versetzung.
Dieser Platz wurde es letztlich nicht. Am 27. Mai 1970 meldeten die Fränkischen Nachrichten den vollendeten
Wiederaufbau im Hammbergswald, auch Kaiserspitze genannt. Am neuen Standort entfernte man
die späteren Wände und das Fachwerk wieder. Säulen, Dach und Pietà blieben erhalten; aus dem geschlossenen
Kapellenhaus wurde erneut eine offene Feldkapelle. Der heutige Bau kommt dem Aussehen von 1626 damit
näher als der letzte Zustand vor der Versetzung.
Die Pietà blieb das Zentrum
Im Mittelpunkt steht bis heute die große Pietà: Maria hält den vom Kreuz genommenen Christus auf ihrem Schoß.
Die Figur ist beinahe lebensgroß, ihre Wirkung braucht keine kunsthistorische Erklärung. Der schwere, seitlich
absinkende Körper Christi und die stille Trauer Marias füllen den offenen Raum unter dem Dach.
Kenner tauberfränkischer Mariendarstellungen bezeichnen sie als „seitenverkehrte Dettelbacher Pietà“.
Ein unverändertes Relikt ist die Rektorskapelle also nicht, eine bloße Kopie des alten Baus aber auch nicht.
Sie trägt originale Teile, die Pietà und die Erinnerung an ihren ersten Standort weiter, und ihr Wandel gehört
längst zu ihrer eigenen Geschichte. Ausgerechnet die Versetzung, der radikalste Eingriff, gab ihr einen
wesentlichen Zug der ursprünglichen offenen Feldkapelle zurück.
Geblieben ist vor allem die Inschrift. Caspar Liebler und Jacob Trefs wollten 1626 festhalten, wer dieses Werk
gestiftet hatte und warum. Vierhundert Jahre später stehen ihre Namen noch immer auf derselben Säule.
Man muss am Hammberg nur nah genug herantreten, um sie zu lesen.
Die Rektorskapelle steht dabei nicht für sich allein. Ihre wechselvolle Geschichte, der Bau der Bonifatiuskirche
und die gesamte Erschließung des Brenners sind Teile eines größeren Kapitels der Stadtgeschichte – eines Kapitels,
dem sich Bernd Paeger in seiner neuen Stadtchronik „Tauberbischofsheim 1850–2025“ widmet, herausgegeben
vom Verein der Tauberfränkischen Heimatfreunde. Wie der Titel verrät, beleuchtet das Buch die jüngere
Vergangenheit der Stadt und wird Mitte bis Ende Oktober erscheinen. Mit 428 Seiten und über 900 größtenteils
seltenen Fotografien und Abbildungen ist es ein Mammutwerk. Die Chronik ist ab Ende Oktober/Anfang
November in Tauberbischofsheim in der Buchhandlung „Schwarz auf Weiss“, in der Tourismus-Info im Rathaus
und im Tauberfränkischen Heimatmuseum zu den jeweiligen Öffnungszeiten.
© Hendrik Beierstettel, Fränkische Nachrichten, 7.9.2026