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Wer durch die Tauberbischofsheimer Hauptstraße geht, sieht Fachwerk, Sandstein, ein paar Betonfassaden
aus den Siebzigern – und ahnt in den seltensten Fällen, was an dieser Stelle einst stand, wer dort gearbeitet hat,
welches Feuer welches Viertel verschlang. Der gebürtige Tauberbischofsheimer Bernd Paeger hat sich genau
dieser verborgenen Schichten angenommen und mit „Tauberbischofsheim 1850–2025" eine Chronik geschrieben,
die auf 428 Seiten und mit über 1100 Abbildungen die bauliche und wirtschaftliche Entwicklung
der Stadt in einer bislang unerreichten Dichte dokumentiert. Herausgegeben wird das Werk von den
Tauberfränkischen Heimatfreunden e.V., in denen Paeger selbst Mitglied ist.
Was das Buch von vielen Heimatbüchern unterscheidet, ist der Ansatz: Es geht in erster Linie chronologisch
um die Ereignisse in Paegers Heimatstadt ab 1850. Der Schwerpunkt liegt dabei auf der baulichen Entwicklung
von Behörden, Schulen, Firmen – um das, was das Stadtbild tatsächlich geformt hat, oft bis hin zu Gebäuden,
die längst verschwunden sind, an die sich aber noch viele Tauberbischofsheimer über fünfzig gut erinnern.
Die 1997 erschienene Stadtchronik, verfasst von Franz Gehrig und Hermann Müller, befasst sich nach der
Behandlung einiger Themen aus dem Mittelalter schwerpunktmäßig mit dem Zeitraum von etwa 1600 bis
Mitte/Ende des 19. Jahrhunderts; Ausflüge ins 20. Jahrhundert erfolgen nur sporadisch.
Das neue Buch ergänzt also die letzte Chronik und schließt somit eine Lücke in der Darstellung der Stadtgeschichte.
Wochen in Archiven, Nächte am Schreibtisch
Paeger sammelt seit über 20 Jahren Bücher, Zeitungsartikel und Postkarten über Tauberbischofsheim. Er hat,
so ist zu hören, jahrelang nach Feierabend bis tief in die Nacht an dem Buch gesessen. Die Materialgrundlage dafür
holte er sich nicht aus zweiter Hand: Er durchforstete das Stadtarchiv Tauberbischofsheim, das Landesarchiv
Baden-Württemberg mit seinen Zweigstellen in Wertheim-Bronnbach und Ludwigsburg – und durchwälzte
zusätzlich die kompletten Ausgaben der Fränkischen Nachrichten von 1946 bis heute nach Daten, Hintergründen
und Fotografien. Dabei wurde er von Jürgen Wohlfarth und Hendrik Beierstettel unterstützt. Ergebnis dieser
Fleißarbeit sind Funde, die selbst manchem Heimatkenner neu sein dürften.
Ein Beispiel: Das alte städtische Schlachthaus am Wörtplatz, 1883 erbaut, diente seinen letzten Zweck ausgerechnet
bei einer Kleintierzüchterausstellung im September 1969, ehe es abgerissen wurde und dem Neubau des
Badenwerk-Verwaltungsgebäudes wich. Oder das kaiserliche Postamt von 1888, für dessen Bau kurzerhand
ein Teil des Gasthauses „Zur Sonne" geopfert wurde – mit der Folge, dass die Bahnhofstraße an dieser Stelle bis
heute deutlich breiter ist als früher üblich.
Besonders lebendig wird die Chronik dort, wo Paeger Zeitzeugenberichte und historische Zeitungsartikel wörtlich
einflicht. So beschreibt der 1981 in den Fränkischen Nachrichten veröffentlichte Erinnerungstext von Hugo Pahl
den alten Wörtplatz der 1920er und 1930er Jahre mit seinem Wassergraben, in dem die Jugend Schwimmen lernte,
Stichlinge fing und selbstgebaute Rindenschiffchen zu Wasser ließ – während nebenan auf dem Viehmarkt Ochsen
und Ackergäule an eisernen Ringen angekettet wurden. Solche Passagen holen ein Tauberbischofsheim zurück,
das es in dieser Form nicht mehr gibt.
Von Waschbeton bis zur Fußball-Nacht von Rom
Auch das zwanzigste Jahrhundert bleibt nicht außen vor. Paeger widmet den Waschbetonbauten der Sechziger und
Siebziger, die einst das Stadtbild prägten und heute zunehmend verschwinden, eine eigene Betrachtung – von der
abgerissenen Realschule über den ebenfalls schon verschwundenen EKZ-Neukauf bis zur Sonderschule,
die inzwischen mit Bauzäunen umstellt ist. Es ist ein leiser Aufruf, wenigstens die Erinnerung an diese
architektonische Epoche zu bewahren, wenn schon die Gebäude selbst fallen.
Zwischen den harten Fakten – Baujahre, Handelsregistereinträge, Grundstücksverkäufe, Insolvenzen wie die des
berüchtigten „Hopf-Konzerns" 1930 – finden sich immer wieder persönlich gefärbte Kapitel, etwa Erinnerungen
an die Fußball-Nacht von Rom 1990, als der Marktplatz beim Brehme-Elfmeter regelrecht bebte. Diese Mischung
aus nüchterner Quellenarbeit und atmosphärischem Erzählen macht die Lektüre zu weit mehr als einem
Nachschlagewerk.
Für die Recherchequalität spricht auch, dass Paeger nicht nur eigene Fotos beisteuert – nahezu jedes heute noch
stehende Gebäude hat er 2025 selbst fotografiert –, sondern konsequent auf Originalquellen aus dem Fotoarchiv
Heer, aus Privatsammlungen wie jener von Bartholme oder Neugebauer sowie auf historische Luftbilder
zurückgreift. Genau diese Bildvielfalt dürfte den besonderen Reiz der über 1100 Abbildungen ausmachen.
Subskription lohnt sich
„Tauberbischofsheim 1850–2025" erscheint voraussichtlich Mitte bis Ende Oktober und wird dann im Buchladen
„Schwarz auf Weiß" sowie in der städtischen Tourismus-Info im Erdgeschoss des Rathauses erhältlich sein.
Wer sich sein Exemplar jetzt schon sichern möchte und beim späteren Ladenpreis sparen will, kann ab sofort online
auf chronik-tbb.de vorbestellen. Vorbesteller erhalten das Werk zum vergünstigten Subskriptionspreis von 30.-€
(auf 400 Exemplare limitiert) – bezahlt wird erst bei der Abholung im Buchladen.
Der reguläre Ladenpreis beträgt dann in Anbetracht des Umfangs des Buches immer noch sehr günstige 35.-€.
Angesichts des Umfangs und der Fülle an bislang unveröffentlichtem Bildmaterial dürfte das Buch für Jahre das
Standardwerk zur jüngeren Stadtgeschichte bleiben – wer nicht leer ausgehen will, bestellt am besten gleich vor.
© Hendrik Beierstettel, Tauberfränkische Heimatfreunde e.V.