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In Tauberbischofsheim wurden nach langen Planungen am Sonntagnachmittag zum ersten Mal Stolpersteine verlegt.
Diese Gedenksteine sind kleine, in einen Betonblock gegossene glänzende Messingplatten, die vor den Wohnhäusern
von Opfern des Nationalsozialismus ins Straßenpflaster verlegt werden. Das Projekt hält seit 1993 die Erinnerung an
die Vertreibung der Juden, der Sinti und Roma, der politisch Verfolgten, der Homosexuellen, der Zeugen Jehovas
und der Euthanasieopfer im Nationalsozialismus lebendig. Bislang liegen nach Angaben der „Stiftung Spuren"
116.000 Stolpersteine in über 1.860 Kommunen in über 30 europäischen Ländern, die meisten davon in Deutschland.
Es handelt sich somit wohl um das größte dezentrale Mahnmal der Welt. Initiator ist der Künstler und
Kunstpädagoge Gunter Demnig. Am Sonntag war der heute 78-Jährige in Tauberbischofsheim dabei und verlegte
die zwölf Platten eigenhändig. Sie erinnern alle an Angehörige der Familie Brückheimer.
Ein wichtiger Beitrag zur Aufarbeitung der Geschichte
Fast 300 Menschen waren um 15 Uhr auf den Marktplatz gekommen, um der vom völkischen NS-Regime
verfolgten Bürgerinnen und Bürger der Stadt zu gedenken. Die zweite stellvertretende Bürgermeisterin Ute Werr
(CDU) begrüßte die Versammelten im Namen der Stadt. Werrs besonderer Dank galt der Familie Brückheimer,
die die Stolpersteine selbst gespendet hatte. Anlässlich deren Verlegung waren etwa 20 Nachfahren der Verfolgten
und Ermordeten aus Israel, den USA und der Schweiz angereist. Werrs dankte ebenso den Mitgliedern des
„Arbeitskreises Stolpersteine", dem Gemeinderat, den Tauberfränkischen Heimatfreunden, der Bürgerstiftung
sowie dem Wenkheimer Verein „die Schul". Alle hatten zum Erfolg der Verlegung beigetragen. Werr betonte,
so werde ein wichtiger Beitrag zur Aufarbeitung der Geschichte Tauberbischofsheims geleistet. Dies sei überfällig.
Gunter Schmidt vom Verein „die Schul" hatte den Arbeitskreis geleitet, Sabine Münch für die Stadt darin aktiv
mitgewirkt. Alle konnten am Sonntag erleben, dass die Aktion ein Anliegen nahezu der gesamten Bürgerschaft
und aller Generationen war. Damit sie gelingen konnte, waren bis zum Beschluss des Gemeinderats 2024
etliche Fäden zusammengekommen.
Nachhaltigste Form der Gedenkarbeit
Werner Bartholme vom Gedenkstättenverein „die Schul" sprach im Namen des Stolperstein-Arbeitskreises:
„Stolpersteine sind die wohl größte und nachhaltigste Form der Gedenkarbeit überhaupt! Hier, genau hier, lachten,
stritten, lebten Menschen."
Der frühere Schulleiter betonte: „Wir werden uns verneigen müssen, um die Namen auf den Stolpersteinen lesen
zu können." Das Hinschauen zwinge, zu fragen, was man selbst vor 90 Jahren getan hätte, und erinnere daran,
dass Geschichte nicht abstrakt, sondern lebendig und schmerzhaft sei. Er warnte vor einer „Schlussstrich-Mentalität"
und warb für Verantwortung in der Gegenwart. Demokratie sei kein Geschenk, sondern Aufgabe für jeden Einzelnen.
Bartolme beendete seine Rede mit einem selbst verfassten Gedicht und bewegenden Worten:
„Dies ist nicht nur ein Stein mit einem Namen. Es geht um einen Menschen und ums Menschsein."
Joram Brückheimer und Margret Lakner sprachen im Namen der Familie einige Worte des Dankes
und des Gedenkens in deutscher, englischer und hebräischer Sprache. Im Anschluss verlegte Demnig
in der Manggasse 2, in der Hauptstraße 45a und 96 sowie der Gartenstraße 3 Stolpersteine für Bertha,
Irwin, Herbert, Hilda, Lena, Leo, Max und Sali Brückheimer sowie Flora und Hannelore Simons.
Jugendliche erzählten Werdegang der jüdischen NS-Opfer
Pfarrerin Heike Kuhn betonte, wie wichtig ihr die Erinnerungsarbeit sei. Im Religionsunterricht am
Wirtschaftsgymnasium hatte sie Charlotte Münch und Jana Vollmer für die Aktion dafür gewinnen können,
an jeder Verlegestelle den Werdegang der früheren Tauberbischofsheimer zu erzählen, und andere Schülerinnen
und Schüler legten Blumen und stellten Kerzen neben die Messingtafeln.
Unter der Leitung von Sophia Waitz spielten junge Mitglieder des Grünewald-Orchesters Tauberbischofsheim
und des Jugendsymphonienorchesters Bad Mergentheim an jüdische Weisen angelehnte würdige Musik.
Joram Brückheimer sprach jeweils das Kaddisch, das wichtigste jüdische Gebet, das weniger den Tod als vielmehr
die Hoffnung auf Gott zum Inhalt hat.
Mit dem Zulauf von mehreren hundert Menschen hatte die Stadt offensichtlich nicht gerechnet. Eine Teilnehmerin
äußerte ihre Unzufriedenheit über den vorbeirauschenden Verkehr: „Man hätte einfach die Straßen sperren sollen."
Vor der öffentlichen Verlegung der Stolpersteine hatten sich die Mitglieder der Familie Brückheimer ins
Goldene Buch der Stadt eingetragen. Joram Brückheimers Neffe, Rotem El-Ron, erzählte unserer Zeitung,
dass sich verschiedene Zweige der Familie hier in Tauberbischofsheim zum ersten Mal begegnen. Am Montag
stand ein ambitioniertes Besichtigungsprogramm in Külsheim, Wertheim und der früheren Synagoge Wenkheim
an. Es galt, Orte des Wohnens und Wirkens der Vorfahren, sowie einige Gräber aufzusuchen.
Erste Begegnung mit Joram Brückheimer im Restaurant „Arena"
Bereits vor fast 20 Jahren hatten Kerstin Haug-Zademack und Johannes Ghiraldin mit Schülerinnen und Schülern
das Thema „Die Verfolgung von Tauberbischofsheimer Mitbürgerinnen und Mitbürgern im Nationalsozialismus"
dokumentiert. Eine Mitarbeiterin des Restaurants „Arena" habe dann vor drei Jahren Gäste bedient, die Hebräisch
miteinander gesprochen und den Namen „Brückheimer" erwähnt hätten. Joram Brückheimer war mit
Familienangehörigen zum zweiten Mal zum Grab seines Großvaters gereist. Sofort habe die Gastronomin
Kerstin Haug-Zademack angerufen und so sei der Kontakt zustandegekommen, erzählt die umtriebige
Heimatkundlerin. Gemeinsam mit Johannes Ghiraldin habe sie dann 2011 Nachfahren der Brückheimers
in Jerusalem besucht und schließlich die Ausstellung gestaltet, die bis zum 12. Juni in der Sparkassenfiliale
zu sehen ist.
Bei einem anschließenden Empfang im Gründerzentrum bedankte sich Joram Brückheimer bei allen,
die zum Gedenken an seine Familie beigetragen hatten. Der Arbeitskreis stellt seine Tätigkeit nicht ein
und möchte künftig weiteren Nazi-Opfern mit Stolpersteinen gedenken. Am Sonntagvormittag waren
auch in Altertheim unter großer Beteiligung der Gemeinde sechs Stolpersteine verlegt worden.
© Fränkische Nachrichten, Jens-Eberhard Jahn, 19.5.2026